Name des Begriffes: „Praxis“
Beschreibungen des Begriffes:

„Praxis“

Die Zeitschrift „Praxis“ und die gleichnamige intellektuelle Gruppe taten sich in den Jahren 1964–74 mit dem Bekenntnis zu einem „humanistischen Marxismus“ hervor. Entstanden im Zuge der Liberalisierung der 60er Jahre, steht „Praxis“ im Westen bis heute für eines der bekanntesten Intellektuellen-Milieus im damaligen Jugoslawien. Die Zeitschrift unterstützte einerseits Titos und Kardeljs Experimente der *Selbstverwaltung als Schritt in Richtung demokratischer Sozialismus, den sie als Grundlage für die Emanzipation des Menschen und die rationale Umgestaltung der Gesellschaft durch den Menschen betrachteten. Andererseits übte die Zeitschrift Kritik an der regierenden kommunistischen Partei (*Bund der Kommunisten Jugoslawiens), die zu einer Klasse von Bürokraten mutiert sei und die Selbstverwaltung sowie die freie Meinungsäußerung einschränke. Als fest in der jugoslawischen Gesellschaft und teilweise auch im *Bund der Kommunisten Jugoslawiens verwurzelte Gruppe genoss „Praxis“ lange Zeit die Unterstützung parteiinterner Reformkräfte. Autoren der Zeitschrift und Mitglieder der Guppe waren Uninversitätsprofessoren, Mitarbeiter zentraler staatlicher Institute und sogar einstige Tito-Partisanen (u. a. Gajo Patrović, Branko Bošnjak, #Mihailo Marković, #Zagorka Golubović, #Nebojša Popov, Branko Horvat, Predrag Vranicki). Im Ausland war die „Praxis“-Gruppe auch durch die von ihr organisierten internationalen Sommerschulen auf der Insel Korčula berühmt (fast durchgängig von 1963 bis 1974). Die Zeitschrift lieferte der Partei wertvolle philosophische Argumente zur Untermauerung des jugoslawischen Wegs zum Aufbau des Sozialismus, in Abgrenzung zur Sowjetunion. Zugleich stand sie für einen spezifisch jugoslawischen Personenkreis, der eine intellektuelle Alternative zu den nationalistischen Strömungen darstellte, die auch innerhalb des *Bundes der Kommunisten Jugoslawiens an Einfluss gewannen. Nach der Zerschlagung des *Kroatischen Frühlings und des *Serbischen Liberalismus Anfang der 70er Jahre geriet auch die „Praxis“-Gruppe zunehmend ins Visier der Behörden. Den Autoren der Zeitschrift wurde vorgeworfen, die *Studentenproteste 1968 angestiftet zu haben. Sie hätten zudem unberechtigte Kritik an der jugoslawischen Wirklichkeit geübt. Die vorerst letzte Nummer der Zeitschrift erschien 1974. In den 80er Jahren reaktivierte ein Teil der Redaktionsmitglieder die Zeitschrift unter dem neuen Namen „Praxis International“, die hauptsächlich auf Englisch erschien, aber ohne nennenswerten Einfluss auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung Jugoslawiens blieb.

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