Ukraine

Semen Hlusman / Semjon Glusman

Semen Hlusman / Semjon Glusman, geboren 1946

Semen Hluzman / Semën Gluzman

Семен Глузман / Семён Глузман

Psychiater, Schriftsteller, Menschenrechtler, machte den politischen Psychiatriemissbrauch in der UdSSR öffentlich, langjährige Lagerhaft und Verbannung; Mitautor des „Handbuchs der Psychiatrie für Dissidenten“.

Iwan Hel wurde 1937 in dem Dorf Klizko in der damals polnischen Woiwodschaft Lwów (heute: Oblast Lwiw) geboren. Sein Vater leitete die örtliche Filiale der Bildungsgesellschaft Prosvita, nach 1939 war er Leiter einer Kolchose, hatte aber zugleich Kontakt zu den Untergrundstrukturen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und kämpfte in der Ukrainischen Aufständischen Armee. Die Familie mütterlicherseits war in der ukrainischen Intelligenz und Nationalbewegung verwurzelt.

1950 wurde Hels Vater wegen seiner Zusammenarbeit mit der OUN zu 20 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Bei der Verhaftung schlugen Funktionäre des NKWD auch seine Mutter, und bei dem Versuch, seine Eltern zu schützen, wurde Hel ebenfalls geschlagen. Als er sich öffentlich weigerte, in den Komsomol einzutreten, wurde er 1952 der Schule verwiesen. Nach Abschluss der Abendschule blieben seine Bemühungen um einen Studienplatz an der Universität Lwiw erfolglos: Als Sohn eines Bandera-Anhängers wurde seine Bewerbung abgelehnt. Er fand Beschäftigung als Schlosser in einer Fabrik in Lwiw.

Von 1956 bis 1959 leistete Hel seinen Wehrdienst ab. Nachdem ihm im Anschluss auch der Zugang zum Studium der Rechtswissenschaft verwehrt worden war, nahm er ein Fernstudium an der Historischen Fakultät der Universität Lwiw auf. Im zweiten Studienjahr wechselte er ins Abendstudium und arbeitete wieder als Schlosser. In dieser Zeit begann sein gesellschaftliches Engagement. 1961 legte Hel zusammen mit einem Freund einen Dornenkranz am Taras-Schewtschenko-Denkmal in Kiew nieder. Anlass war der 100.Todestages des Dichters. Er lernte Mychajlo Horyn kennen, der mit den Vertretern der Kiewer Generation der Sechziger in Kontakt stand, unter anderem mit Iwan Switlytschnyj, Iwan Dsjuba, Jewhen Swerstjuk und Wassyl Symonenko.

Hel begann mit der Abschrift und Verfielfältigung alter und neuer im Samisdat publizierter Texte. Dazu gehörten der Artikel „Stand und Aufgaben der ukrainischen Befreiungsbewegung“ (Stan i zavdannia ukrajins’koho vyzvolnoho ruchu) von Jewhen Pronjuk (1964), der Essay „Was ist Fortschritt?“ (Ščo take postup?) von Iwan Franko (1903), der Band „Die Ukraine und die Ukraine-Politik Moskaus“ (Ukraijna i ukrajins’ka polityka Moskvy) von Myroslaw Prokop (1956) sowie die erstmals 1712 erschienene Anthologie „Rechtfertigung der Rechte der Ukraine“ (Vyvid prav Ukrajiny) mit Texten zum ukrainischen politischen Denken. Gemeinsam mit Mychajlo Horyn verfasste Hel außerdem eine programmatische Schrift zum Kampf um die nationale Staatlichkeit der Ukraine.

Am 24. August 1965 wurde Hel verhaftet. Am 25. März 1966 verurteilte ihn das Gebietsgericht in Lwiw nach Artikel 62, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der Ukrainischen SSR (entspricht Artikel 70, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der RSFSR) und Artikel 64 Strafgesetzbuch der Ukrainischen SSR (entspricht Artikel 72 Strafgesetzbuch der RSFSR) zu drei Jahren Freiheitsentzug wegen der Verbreitung von Samisdat-Schriften und „organisatorischer Tätigkeit“. In den mordwinischen Lagern, wo Hel seine Strafe verbüßte, lernte er viele Vertreter der sowjetischen Demokratiebewegung kennen. 1967 wandte er sich mit zwei Briefen an das Präsidium des Obersten Sowjets, in denen er Partei für die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche ergriff und die Aufhebung von Artikel 62 Strafgesetzbuch der Ukrainischen SSR (entspricht Artikel 70, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der RSFSR) forderte.

Nach seiner Freilassung 1968 wurde Hel eine Rückkehr an die Universität verwehrt. Nachdem ihm auch eine Meldeadresse in Lwiw verweigert wurde, ließ er sich in Sambir (Sambor) nieder. Hel fertigte Kopien von elf Büchern an und verbreitete die hauptsächlich abfotografierten Werke im Samisdat, darunter den Essayband „Im Schnee“ (Sered snihiv) von Walentyn Moros, das von ihm mit einem Vorwort versehene Buch „Totalitarismus, die ukrainische Wiedergeburt und Walentin Moros“ (Totalitaryzm, ukrajins’ke vidroždennja i Walentyn Moroz), den Text „Internationalismus oder Russifizierung?“ von Iwan Dsjuba und den Band „Schrei aus dem Grab“ (Kryk z mohyly) mit Gedichten von Mykola Cholodny. Mit einem Brief an den Obersten Sowjet der UdSSR protestierte Hel im November 1970 gegen das Urteil gegen Walentyn Moros. Am 7. Dezember 1970 hielt er eine Rede auf der Beerdigung von Alla Horska.

Am 12. Januar 1972 wurde Hel erneut verhaftet. Am 7. August 1972 verurteilte ihn das Gebietsgericht in Lwiw nach Artikel 62, Paragraf 2 Strafgesetzbuch der Ukrainischen SSR (entspricht Artikel 70, Paragraf 2 Strafgesetzbuch der RSFSR) zu zehn Jahren Lagerhaft mit besonderem Vollzug und fünf Jahren Verbannung. Seine Strafe verbüßte er in den mordwinischen Lagern und Permer Lagern. Sein Verbannungsort war die Siedlung Mylwa in der Autonomen SSR Komi.

Während seiner Lagerhaft beteiligte sich Hel an vielen Menschenrechtsaktionen. Unter anderem forderte er mit einem Hungerstreik eine Anerkennung des Status „politischer Häftling“. 1977 kam es im mordwinischen Speziallager (Potma) unter den Gefangenen zu einem Konflikt. Auslöser waren nationalistische und antisemitische Äußerungen einiger Häftlinge, darunter Walentyn Moros, gegen den daraufhin ein Boykott durchgesetzt wurde. Hel selbst ergriff in diesem Zusammenhang Partei für Moros.

Mit seinem Buch „Facetten der Kultur“ (Hrani kultury) legte Hel eine Art schriftliches Vermächtnis vor. Hierin reflektiert er, inspiriert von Iwan Dsjubas Texten „Internationalismus oder Russifizierung?“ und „Facetten des Kristalls“ (Hrani krystala), über die Ukraine und die nationale Staatlichkeit des Landes. Der Text entstand in den 70er Jahren in Haft, fand Verbreitung im Samsidat und wurde in den Westen geschleust. 1984 erschien das Buch unter dem Pseudonym Stepan Howerla 1984 beim Verlag Ukrainian Publishers Ltd. in London. In der Ukraine wurde es unter Hels Namen erst 1993 publiziert.

Aus der Verbannung kehrte Hel im Januar 1987 in die Ukraine zurück. Er lebte zunächst in seinem Heimatdorf und arbeitete als Viehhirte. Im Frühjahr 1987 wurde er gemeinsam mit Wjatscheslaw Tschornowil, Mychajlo Horyn und Pawlo Skotschko Mitglied des Redaktionskollegiums der Zeitschrift *„Ukrajins’kyj visnyk“. Hel leitete das Komitee zur Verteidigung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, beteiligte sich an der Gründung von Memorial und der Volksbewegung der Ukraine und redigierte die Zeitschrift „Christjans’kyj holos“ (Christliche Stimme).

Von 1990 bis 1994 war Hel stellvertretender Vorsitzender des Volksdeputiertenkongresses des Gebiets Lwiw. Er beteiligte sich aktiv am gesellschaftlich-politischen Diskurs, unter anderem als Vorsitzender der Gebietskommission für die Rehabilitierung ehemaliger Häftlinge.

Iwan Hel starb am 16. März 2011 in Lwiw.

Iryna Rapp
Aus dem Polnischen von Tim Bohse
Letzte Aktualisierung: 07/20