Eine dennoch wichtige und sichtbare Rolle für oppositionelles Denken in Aserbaidschan spielte der „Klub für Ethik und ästhetische Bildung“. Später unter dem Namen „Ocaq“ bekannt, wurde er 1976 von Asif Əfəndiyev, einem Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ästhetik an der Aserbaidschanischen Universität in Baku, der bereits mit dem erwähnten Artikel „Kritika i vremja“ (Kritik und Zeit) von 1959 für Aufmerksamkeit gesorgt hatte, gegründet. Der Klub agierte quasi offiziell, wenngleich Əfəndiyev immer wieder verschiedenen behördlichen Schikanen ausgesetzt war. Im Rahmen seiner Veranstaltungen setzte sich „Ocaq“ für die Freiheit des Individuums und die Souveränität der Völker der UdSSR ein und kritisierte die diesbezügliche Politik der sowjetischen Machthaber. Diskutiert wurde zudem über das nationale und kulturelle Erbe Aserbaidschans. Besorgt über die Ausbreitung allzu nonkonformer Ideen, veranlasste die Hochschulleitung die Schließung des Klubs. Ab 1979 fanden die Zusammenkünfte in der Wohnung von Asif Əfəndiyev statt. Zusammen mit anderen „Ocaq“-Aktivisten, wie Sabir Imamverdiyev (Pseudonym: Yanardağ) und Elman Əliyev (Elman Alijew, Pseudonym: Safruch), war er immer wieder Zielscheibe verschiedener Repressionen seitens der Behörden. Mitte der 80er Jahre stellte „Ocaq“ seine Arbeit ein.
Der Beginn der Perestroika markierte auch in Aserbaidschan eine neue Etappe im außerparteilichen politischen Engagement. In großer Zahl wurden sogenannte informelle Vereinigungen gegründet. Diese literarisch-historischen Klubs, in denen demokratisch gesinnte Menschen zusammenkamen, entstanden nicht nur an der Akademie der Wissenschaften, an der Universität und in anderen intellektuellen Zentren der Hauptstadt, sondern auch in der Provinz. Eine der ersten während der Perestroika-Zeit gegründeten demokratischen Gruppierungen Aserbaidschans war die studentische Organisation „Çənlibel“ (Baku 1987). Viele führende Persönlichkeiten der späteren demokratischen Bewegungen und bedeutender politischer Kräfte wie der Volksfront Aserbaidschans entstammen den damaligen Klubs und Vereinigungen. An der Spitze einiger Organisationen standen auch frühere politische Gefangene wie der spätere Präsident Əbülfəz Elçibəy.
Anders als in Russland, der Ukraine und später auch den baltischen Sowjetrepubliken und Georgien kann in Aserbaidschan bis zum Beginn der Perestroika von einer sichtbaren Entfaltung einer für Demokratie und Menschenrechte eintretenden oppositionellen Bewegung also nicht die Rede sein. Bezeichnend ist, dass Informationen über Aserbaidschan in der *„Chronik der laufenden Ereignisse“ fast vollständig fehlten. Für die gesellschaftliche Aktivierung der aserbaidschanischen Bürger und Bürgerinnen in der Zeit der Perestroika und später stellte das jedoch kein Hindernis da. Ähnlich wie mit Swiad Gamsachurdia im Nachbarland Georgien wurde nach der Entmachtung des sowjetischen Parteiapparates 1992 mit Əbülfəz Elçibəy ein früherer Oppositioneller Präsident des Landes. Schon 1993 wurde er nach Niederlagen im Konflikt um *Bergkarabach durch eine Militärrevolte gestürzt. Mit Heydər Əliyev setzte sich im Oktober 1993 der einstige KP-Parteichef an die Spitze des Staates und bereite zehn Jahre später, noch kurz vor seinem Tod, die Übernahme des Präsidentenamts durch seinen bis heute regierenden Sohn vor. Der *armenisch-aserbaidschanische Konflikt um *Bergkarabach bestimmt die Politik des Landes bis heute.