Für die SED war Wolfgang Templin in den 80er Jahren einer der gefährlichsten oppositionellen Aktivisten; die DDR-Staatssicherheit verfolgte ihn im Operativen Vorgang „Verräter“. Der ursprünglich eher marxistisch orientierte Philosoph – bis 1983 auch SED-Mitglied und in den 70er Jahren kurzzeitig Stasi-IM – war einer der wenigen intellektuellen Köpfe der späten DDR-Opposition. Er war Mitbegründer der Initiative Frieden und Menschenrechte, die Idee und Praxis der Menschenrechtsarbeit angelehnt an Vorbilder aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion in der DDR popularisierte.

Bereits während der Vorbereitung des Seminars war es zu schwerwiegenden Differenzen gekommen. Umstritten waren nicht nur die Behandlung des Themas, sondern auch die Durchführung des Seminars, die Einbeziehung westdeutscher Unterstützer, die Veröffentlichung von Arbeitsergebnissen und Erklärungen sowie das Verhältnis von konspirativer und öffentlicher Arbeit überhaupt. Über diese Fragen kam es zum Bruch innerhalb des Seminar-Vorbereitungskreises. Aus dem Streit entwickelte sich die Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) mit Wolfgang Templin, Bärbel Bohley, Gerd Poppe und anderen einerseits sowie die Gruppe „Gegenstimmen“ um Reinhard Schult, Thomas Klein und Silvia Müller andererseits. Das MfS schürte durch seine in den Gruppen mitarbeitenden inoffiziellen Mitarbeiter (IM) diesen Streit, um deren Aktivitäten zu behindern. Seine Ursachen hatte die Auseinandersetzung jedoch im unterschiedlichen Menschenrechtsverständnis der beteiligten Dissidenten. Während Reinhard Schult und andere das – aus ihrer Sicht – „bürgerliche Menschenrechtsverständnis“ der IFM kritisierten, bemängelte diese das Verharren Reinhard Schults und seiner Freunde in der konspirativ organisierten Zirkeltätigkeit. Das im Kern umstrittene Konzept fasste die IFM 1987 mit der Erklärung zusammen, man habe beschlossen, die in internationalen Abkommen garantierten Rechte wahrzunehmen.

Die Initiative Frieden und Menschenrechte dokumentierte dies durch die Herausgabe der Zeitschrift „Grenzfall“, deren Autoren mit Namen und Kontaktadressen kenntlich waren. Darüber hinaus war das Blatt nicht durch die Anbindung an eine Kirchengemeinde geschützt – andere Samisdat-Blätter erschienen damals mit dem Verweis „nur zum innerkirchlichen Gebrauch“, mit dem die staatliche Zensur umgangen werden konnte. In der IFM umstritten blieb Templins Zusammenarbeit mit einer sich „AG-Staatsbürgerrechte“ nennenden Gruppe von Ausreisewilligen, die sich DDR-weit konstituierte und die Ausreisewünsche ihrer Mitglieder unter Berufung auf international garantierte und auch von der DDR unterschriebene Menschenrechtsvereinbarungen betrieb.

Die Tätigkeiten der IFM – die Herausgabe der Zeitschrift, die Publikation von Erklärungen im Westen, die Erarbeitung von Arbeitsbeziehungen mit der westdeutschen Partei „Die Grünen“, die Zusammenarbeit mit Oppositionsgruppen in Osteuropa, die Herstellung vielfältiger Kontakte quer durch die DDR und die Einrichtung thematisch orientierter Arbeitsgruppen (für Bildung, Arbeit usw.) – sowie ihr zunehmender Einfluss auf Friedens- und Umweltgruppen in der DDR veranlassten SED und MfS im Winter 1987/88, die gewaltsame Zerschlagung der Gruppe zu versuchen.

Trotz ausgedehnter Planungen misslang das Vorhaben jedoch, die Drucker der unter kirchlichem Schutz stehenden „Umweltblätter“ bei der tatsächlichen Herstellung des „Grenzfall“ auf frischer Tat zu überraschen. Dass das MfS zu diesem Zweck im November 1987 die Räume der Ost-Berliner Zionskirche überfiel, rief landesweite Proteste mit Mahnwachen und Gedenkgottesdiensten hervor. Eine weitere Solidarisierungswelle mit Oppositionellen, die im Zusammenhang mit der offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration im Januar 1988 verhaftet worden waren, löste einen DDR-weiten Mobilisierungszyklus aus, der letztlich in der Konstituierung politischer Oppositionsgruppen und Oppositionsparteien im Sommer und Herbst 1989 mündete.

Templin und seine Frau wurden zusammen mit anderen im Januar 1988 verhaftet, ihre Kinder brachte man in ein Heim, von der landesweiten Solidarisierungswelle erfuhren sie in der Haft nichts. Hinter den Kulissen einigten sich SED, Staatssicherheit und Kirche auf einen vorübergehenden – im Falle Templins auf zwei Jahre terminierten – „Studienaufenthalt“ des Paares mit Kindern in der Bundesrepublik, für den finanziell die evangelische Kirche aufkam. Templin war an dem Mobilisierungszyklus der Gruppen in den Jahren 1988/89 so nur aus der Ferne – er lebte derweil in Bochum – beteiligt.

Unmittelbar nach der Maueröffnung am 9. November 1989 kehrte Templin in die DDR zurück. Er saß später für die IFM am Zentralen Runden Tisch, war 1989–91 Sprecher der IFM, ab den freien Volkskammerwahlen im März 1990 Mitarbeiter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und außerdem Mitglied des „Kuratoriums für einen demokratisch verfassten Bund Deutscher Länder“. Von September 1991 bis Mai 1992 war er hauptamtliches Mitglied des Gründungssprecherrates der Partei Bündnis ‘90, anschließend arbeitslos und Kritiker des 1992/93 abgeschlossenen Assoziationsvertrages zwischen Bündnis ‘90 und den Grünen. Er wirkte an der Gründung des Bürgerbüros zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur in Berlin mit, arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stasi-Unterlagen-Behörde und war 2010–13 Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau.

Bis heute lebt Wolfgang Templin als freier Publizist in Berlin, wobei sein Engagement neben der Aufarbeitung der kommunistischen Geschichte vor allem der Geschichte und Politik Ost- und Ostmitteleuropas gilt.

Ein Interview mit Wolfgang Templin gibt es im Online-Dossier „40 Jahre Solidarność“.
Außerdem ist Wolfgang Templin auf dem Zeitzeugenportal der Bundesstiftung Aufarbeitung vertreten.

Martin Jander
Letzte Aktualisierung: 09/16