Jurist, katholischer Publizist, Politiker; langjähriges Mitglied des Warschauer Klubs der Katholischen Intelligenz und Chefredakteur der Monatsschrift „Więź“; 1961–72 Parlamentsabgeordneter für die Gruppe „Znak“, ab 1978 Mitglied der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse, 1980 Vorsitzender des Expertenausschusses des Überbetrieblichen Streikkomitees in der Danziger Lenin-Werft, anschließend Berater Lech Wałęsas und des Landeskoordinierungsausschusses, ab 1981 Berater des Landesausschusses der Solidarność, 1981 und 1989 Chefredakteur des „Tygodnik Solidarność“, ab 1988 Mitarbeit im Bürgerkomitee beim Vorsitzenden der Solidarność; 1989 erster nichtkommunistischer Regierungschef im Ostblock.

In der ersten Hälfte der 70er Jahre befürwortete Mazowiecki den allmählichen Rückzug der Znak-Bewegung aus den offiziellen Strukturen. Der Schwerpunkt der Arbeit sollte vielmehr auf langfristige Erziehungs- und Kulturarbeit gelegt werden. 1975–81 war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Klubs der Katholischen Intelligenz in Warschau. Anfang 1976 gehörte er zu den Initiatoren eines Briefes, in dem sich Vertreter der Znak-Bewegung gegen geplante Verfassungsänderungen wandten.

Im November 1976 setzte sich Mazowiecki in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ für die Opfer der Repressionen nach den Arbeiterprotesten im Juni 1976 ein und sprach sich für eine Demokratisierung des öffentlichen Lebens aus. Er forderte unabhängige Gewerkschaften und eine Begrenzung der staatlichen Zensur. Außerdem sagte er, gesellschaftlichen Organisationen und Gruppen müssten eine wahre Autonomie zugestanden werden. Abgeschafft gehöre die Unterstützung des Staates für atheistische Propaganda und allen Bürgern müssten gleiche berufliche Entwicklungsmöglichkeiten garantiert werden.

Im Mai 1976 übernahm Mazowiecki die Vertretung von Bürgerrechtlern, die sich vom 24. bis 30. Mai 1977 in der Warschauer St.-Martin-Kirche mit einem Hungerstreik für die inhaftierten Arbeiter und die festgenommenen Mitglieder und Mitarbeiter des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników; KOR) eingesetzt hatten. Mit diesem Schulterschluss mit den Protestierenden riskierte er ein Verbot der Zeitschrift „Więź“.

Im November 1977 veranstaltete Mazowiecki im Warschauer Klub der Katholischen Intelligenz eine Tagung zum Thema Menschenrechte, an der viele Oppositionelle und Bürgerrechtler aus verschiedenen Oppositionsgruppen teilnahmen. Mazowiecki sagte damals: „Ein Christ kann sich in vielerlei Weise für Menschenrechte einsetzen und ihnen dienen. Eines darf er jedoch nicht: Wo immer Freiheit und Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wo immer für Menschenrechte gekämpft wird – nie darf ein Christ die Rolle des Pilatus übernehmen.“

Die „Więź“-Redaktion wurde dank Mazowiecki zu einer Plattform des Dialogs unterschiedlicher oppositioneller Richtungen. Im Januar 1978 gehörte Mazowiecki zu den Gründern der Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse (Towarzystwo Kursów Naukowych; TKN) und war Mitglied von deren Programmrat. Er arbeitete auch mit der Polnischen Unabhängigkeitsallianz (Polskie Porozumienie Niepodległościowe; PPN) zusammen, deren Publikation „Die Kirche und die Katholiken in Volkspolen“ (Kościół i katolicy w Polsce Ludowej) in erster Linie aus seiner Feder stammte.

Während der Streiks im August 1980 gehörte Mazowiecki am 20. August zu den Initiatoren und Autoren eines Appells von 64 Intellektuellen, in dem diese die Forderungen der Streikenden unterstützten und die Regierung zur Aufnahme von Gesprächen aufriefen. Mit diesem Appell begaben sich Tadeusz Mazowiecki und Bronisław Geremek am 22. August in die Danziger Lenin-Werft, wo sie sich dem Überbetrieblichen Streikkomitee (Międzyzakładowy Komitet Strajkowy; MKS) auf Bitten von Lech Wałęsa als Berater zur Verfügung stellten. Mazowiecki wurde am 24. August Vorsitzender einer eingesetzten Expertenkommission und spielte in den Verhandlungen mit der Regierungsseite eine wesentliche Rolle.

Andrzej Friszke
Aus dem Polnischen von Gero Lietz
Letzte Aktualisierung: 08/16